Album-Review: Smackbound “20/20”

Von den Finnen hatten wir euch den Sommer über auf unserer Facebook-Seite bereits einige Vorabsingles aus ihrem am 12. Juni bei Frontiers SRL erschienenen Debütalbum “20/20” vorgestellt. Diese hatten uns mit ihrer frisch-frechen Note und dem Kick-Ass Rock sehr begeistert, und gespannt erwarteten wir das Album. Kann es das Level halten? Es kann.

Die Band Smackbound stammt aus Helsinki, Finnland, ein sehr gutes Pflaster für Musik der kräftigeren Tonart. Sängerin Netta Laurenne verfügt mitunter über eine klassische Ausbildung, hat bereits mit Größen wie Lordi gearbeitet und arbeitet auch als Schauspielerin. Den Drummer Rolf Pilve kennt man auch von Bands wie Stratovarius und Wintersun; von letzterer Band kommt auch Gitarrist Teemu Mäntysaari. Vili Itäpelto an den Tasten verdingte sich hauptsächlich in Coverbands, und Bassist Tuomas Yli-Jaskari kommt von Tracedown, ist aber inzwischen hauptsächlich als Musikproduzent in den Sonic Pump Studios tätig. Ihm obliegt auch die ehrenvolle Aufgabe der Gesamtproduktion dieses Debütalbums. Wie ihr sehen könnt, haben sich mit Smackbound erfahrene Musiker gefunden, und von diesem Zusammenspiel profitiert das vorliegende Ergebnis ungemein.

Tracklist: Smackbound 20/20 (12. Juni 2020, Frontiers SRL)

01 – Wall Of Silence

02 – Drive It Like You Stole It

03 – Close To Sober

04 – Run

05 – The Game

06 – Those Who Burn

07 – Hey Motherfuckers

08 – Troublemaker

09 – Date With The Devil

10 – Wind And Water

“Wall Of Silence”, der Einstiegssong, straft den Titel direkt Lügen. Völlig ansatzlos gibt es einen Crash Test Dummy auf die 12, der sich nicht nur in die Schädeldecke, sondern auch in den Gehörgang bohrt. Druckvoll agieren Netta und ihre Jungs, dezente Keyboardakzente untermalen die harten Riffs, und die Vokalistin stemmt die Aufgabe, ihre Rockröhre passagenweise in sanftere Gefilde abgleiten zu lassen. Hier wird ordentlich Tempo vorgelegt. Die Wut über ein gebrochenes Herz, wie beschissen eine Beziehung enden kann, regelrecht herausgeschrien.

“Drive It Like You Stole It” war die erste Vorabsingle. Mit den ersten Zeilen, die Netta über das stakkatoartige Gitarrenriff legt, lullt sie den Zuhörer fast ein, um dann gleich wieder aggressiv loszufauchen und den Song sehr rhythmisch voranzutreiben. Nach einem kurzen Gitarrensolo klingt sie fast engelhaft zart, bevor sie wieder aufdreht. Eine Nummer, auf die man sich live schon einmal freuen kann. Eine Motivationsnummer, die auffordert, zu sich zu stehen, so wie man ist, das Heft in die Hand zu nehmen und Hauptdarsteller in seinem eigenen Film zu sein.

“Close To Sober” beginnt wie eine Pop-Ballade über perlenden Piano-Klängen, fast befürchtet man, bei Ariana Grande falsch abgebogen zu sein, doch sehr schnell wird es dramatisch rockig über Symphony-Metal-Anleihen. Gesanglich eher getragen, zudem ein amtlicher Männerchor, und hier kann Netta richtig schön demonstrieren, welche Bandbreite in ihrem Stimmumfang steckt, wenn sie ihre Vocals adlergleich in die Höhen schwingen läßt. Unsicherheit und der Fakt, daß man sich das Leben nicht unbedingt schönsaufen kann, in Töne gepackt.

Das Intro von “Run” weckt euch wieder zuverlässig mit fetter Gitarre auf. Die Strophen werden von Netta schön clean dargebracht, während beim Refrain das Tempo und auch die Kratzbürste kräftig angezogen werden. Erneut geht es im Song darum, die Brücken hinter sich abzubrechen, einen Strich zu ziehen, eine ungute Situation zu beenden.

“The Game” fällt definitiv aus dem Rahmen. Zu getragenen Pianoklängen und einer gewaltigen Portion Drama packen Smackbound eine wunderschöne Powerballade aus, die in keiner Phase kitschig daher kommt; klarer, kraftvoller Gesang, fast proggige Keyboardklänge, eine eher sparsam dosierte Saiten- und Drumsinstrumentierung. Laßt euch zu edlen Fräuleins und starken Rittern entführen. Allerdings ist deren Rüstung ein wenig rostig, “The Game” berichtet wieder von geplatzten Träumen und enttäuschten Hoffnungen, und wie man sich in einem Menschen täuschen kann.

“Those Who Burn” kickt das Dornröschen direkt wieder in die Hecke. Nach einem verschlungenen Intro von Synthi-Streichern und Gitarren brettert Netta mit ihrem Wechselspielchen zwischen rotzig vorgetragenen Passagen und zuckersüßen Zeilen durch diverse Tempiwechsel und stellt einmal mehr unter Beweis, daß Frauen im Metal mehr sind als dekoratives Beiwerk und Sopranistinnen bei den mit im Wechsel mit Harsh-Sängern dargebotenen Dramoletten im Musicalgewand. Ein kraftvoller Durchhalte-Song mit der Aufforderung, sich auf die eigene Stärke zu besinnen.

“Hey Motherfuckers” kommt als eingängige, klassisch anmutende Rock-Hymne daher. Wir hören schon die Mitsingspielchen von der Bühne ins Publikum vorm inneren Ohr. Auch wenn sich die Warnung vor den “Explicit lyrics” auf YouTube eher auf den MF im Titel beziehen dürfte – hier geht es wieder kräftig zur Sache, um Blender in die Schranken zu weisen.

“Troublemaker” nimmt wieder deutlich an Tempo auf. Wieder wird kraftvoll verpackt, was einem den Boden unter den Füßen wegziehen kann.

“Date With The Devil” führt uns nach den ersten Takten fast aufs Glatteis einer weiteren Ballade, doch trotz eher dramatisch-getragenem Gesang hat dieses Stück reichlich Tempo und Drive und bietet einen reizvollen Kontrast zwischen Midtempo-Vocals und Trommelfeuer. Narziß, zieh dich warm an, sie tritt dir in den Allerwertesten.

“Wind And Water” setzt nach “The Game” als zweite Ballade des Albums einen fulminanten Schlußpunkt. Um aus dem Song zu zitieren: ” Can’t believe it’s over”. Sehr viel herzzerreißender kann man nicht von der Liebe seines Lebens Abschied nehmen.

“20/20” ist ein rundum gelungenes Debütalbum, das wahrlich Appetit darauf macht, Smackbound live zu erleben. Uns gefällt der kompromißlose Druck und Drive, die dezenten Retroelemente durch die Synthiarbeit, kitschfreie Balladen und generell der frische Wind, den die Finnen in die Szene bringen. Sehr reizvolle Verknüpfung aus Metal, ProgRock, Symphonic Rock; Netta Laurennes Vocals sind herausragend, jedoch überfrachtet sie die Songs nicht mit Kunststückchen.

Smackbound sind:

Netta Laurenne – Gesang

Teemu Mäntysaari  – Gitarre

 Rolf Pilve  – Drums

Vili Itäpelto – Keyboards

Tuomas Yli-Jaskari – Bass

Smackbound auf ihrer Website

Smackbound auf Facebook

Smackbound auf Instagram

Frontiers Music SRL

Sabine

Nicht ganz frisch und nicht ganz sauber – das trifft es so ungefähr, worauf man sich bei mir einstellen kann. Quasi mit der Kamera in der Hand geboren, kristallisierte sich während des regen jährlichen Besuchs des Lahnsteiner Bluesfestivals ein Faible für Konzertfotografie heraus, welches im Lauf der Zeit und mit wechselndem sowie wachsenden Equipment verfeinert wurde. Der Weg ist das Ziel!

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