Review: EP Vessel von HAVEN

Review: EP Vessel von HAVEN
HAVEN

HAVEN sind eine aufstrebende Alternative/ Post-Metal Band aus Berlin, die vor allem live zu hören ist. Auf Platte haben sie bisher „nur“ eine EP (Anima, 2018) und einen abgefahrenen elektronischen Single-Remix („Babel Remix“ by BLCKSMTH) hervorgebracht. Was schade ist, denn HAVEN haben einen betörend düsteren Sound entwickelt, schwer, getrieben, aggressiv und immer wieder leicht und zerbrechlich, geschaffen, von dem man gerne mehr haben möchte. Nun legen die fünf Musiker*innen mit einer 26-minütigen EP namens Vessel nach.

Trigger-Warnung: Suizid.

HAVEN EP Vessel

Tracklist: HAVEN Vessel (27. November 2020)

01 – Miasma (14:03)

02 – Samsara (08:38)

03 – Within (03:28)

„Miasma“ lockt uns mit drohenden, doomigen und dennoch verführerischen Klängen in die Dunkelheit. Norman Siegel, der Sänger der Band, zeigt große stimmliche Vielfalt, indem er spielend zwischen harschen Vocals und melodischem Klargesang wechselt. Wir hören gleich, vom Knowhow an den Instrumenten, der Stimmgewalt und Kreativität können sich HAVEN durchaus mit bekannteren Bands wie Green Carnation oder Psychonaut messen. Auch thematisch geht es in Vessel in eine ähnliche Richtung wie in Psychonauts aktuellen Album Unfold The God Man. HAVEN ergründen in ihrer Musik ebenfalls die Essenz des Menschseins in Songtexten über Selbstreflexion und die Konstitution des Ich. Die spiegelt sich in der intelligenten, komplexen Songstruktur von „Miasma“ wieder, keine stupiden Wiederholungen, kein ausgeleiertes Strophe-Refrain-Schema, nur pure Musikevolution. Der Songtitel „Miasma“ könnte sich auf die Vorstellung in der antiken Medizin beziehen, wonach ‚Miasma‘ giftige, krankheitserregende Ausdünstungen beschrieben. Lange bevor man eine Ahnung von Bakterien und anderen mikroskopisch kleinen Pathogenen hatte, dachte man, dass Epidemien wie die Pest durch schlechte Luft verursacht wurden. Deshalb räucherten zum Beispiel Pestärzte Städte und Wohnungen aus, sicherlich auch mit psychoaktiven Räuchersubstanzen. Jedenfalls denken wir dabei an alptraumhafte Szenen, und so klingt der Song „Miasma“ von HAVEN auch. Übrigens haben auch Ghost dem Thema ein Lied gewidmet, übrigens ähnlich doomig wie HAVEN, aber wesentlich poppiger … In HAVENs Version von „Miasma“ gefallen mir besonders die schönen mehrstimmigen, stark verzerrten Gitarrenmelodien, die mal zusammengehen und dann wieder auseinanderlaufen. Rober Kurth und Arne Teubel beweisen Teamspirit an den Gitarren und verzichten auf Egotrips und Fights für Soli. Beide prägen den Sound von HAVEN gleichberechtigt!

Die bereits erwähnte interessante Songentwicklung zeigt sich, als HAVEN in der Songmitte erst die Intensität reduzieren, fast flüsternd erzählen sie ihre Story, die Instrumente treten zurück. Das Schlagzeug bleibt auf treibende Snarerolls und wenige Akzente auf der Bassdrum reduziert, die Gitarren tremolieren im Hintergrund, bis die Band wieder mit voller basslastiger Energie zurückkommt, während Norman Siegel mit heiserer Stimme schreiend fast wahnsinnig klingt. Nach diesem Anfall verlangsamt sich erneut das Tempo. Es öffnet sich der Klangraum, starke Halleffekte erzeugen ein Gefühl von Leere und Verlorenheit, während Norman’s Gesang unerwartet nah an uns heran kommt, als ob er uns ein Geheimnis verraten will. Mit „Miasma“ nehmen uns HAVEN mit auf einen Psychotrip, so verrückt wie hypnotisch, der aber abrupt endet und so umso nervenzerreibender ist.

HAVEN Musikvideo zu “Samsara”

Für das darauffolgende Lied „Samsara“ haben HAVEN ein aufwendiges Musikvideo veröffentlicht. Angespannt verfolgen wir den emotionalen Kampf des Schauspielers Valentin Tszin, welcher mit sich selbst zu ringen scheint, symbolisiert durch schwere Taue und Kabel, die sich immer wieder von selbst um ihn schlingen. Doch wickelt sich der Mann auch selbst wiederholt ein, er kommt einfach nicht los. Immer wie sehen wir kalte Metallkonstruktionen, vielleicht eine Brücke ?, und fürchten, dass er sich bald von selbiger stürzt oder daran erhängt. Kurz darauf sehen wir, wie der Mann in einem leeren Haus ein Loch in die bröckelnde Wand gräbt, den Kabeln folgend. Dazwischen gibt es Actionshots der Band beim Performen in einem verlassenen, dunklen Gebäude, die Dunkelheit spärlich von Lichtkegeln durchbrochen. Befindet sich die Band „auf der anderen Seite“? Bei all der Dramatik dieses Musikvideos darf man nicht die hervorragende Musik vergessen zu besprechen! Video und Musik passen nämlich hervorragend zusammen. Der hysterische Gesang beginnt, als der Schauspieler im Video sich endlich von seinen Fesseln befreit, zum Schluss jedoch ist der arme Kerl dann doch wieder in den Fängen einer schwarz gekleideten Person, die ihn an besagtem Tau davonschleppt. Besonders gut gefallen mir die Präsenz des Bass in „Samsara“, präzise und aggressiv gespielt von Sabrina Klewitz, stark drückend und schön satt und tiefenbetont abgemischt. Darüber surren die maximal verzerrten Gitarren und Normans Gesang ist weich fast zärtlich – ein schöner Gegensatz. Insgesamt ist „Samsara“ von enormer Dramatik geprägt. Schon ohne das eindrückliche Video entstehen durch die spannende Songentwicklung aufwühlende Bilder im Kopf. Auch muss das rhythmisch abwechslungsreiche Spiel von Drummer Sergey Mareyno hervorgehoben werden. Die Musik von HAVEN ist insgesamt komplex und fordernd und Sergey ist maßgeblich an den energiegeladenen Dynamiken beteiligt. Der Songtitel „Samsara“ könnte übrigens aus dem Sanskrit entlehnt sein, wo er den immerwährenden Zyklus des Seins aus Werden und Vergehen beschreibt, wäre auf jeden Fall spannend zu wissen, wie die Band darauf kommt!

Mit „Within“ bieten uns HAVEN den kürzesten Track auf der EP. Er hat in seiner ruhigeren, aber nicht unspannenden, Soundscape auch eher den Charakter eines Outro, auch wegen repetitiver Riffs im Hintergrund, klingt „Within“ beschwörerisch und geheimnisvoll, macht Lust auf mehr.

HAVEN beweisen mit dieser EP, dass sie bereits eine gereifte Band (dabei gibt es sie erst seit wenigen Jahren!) mit einem eigenen Stil sind, der den Progressive Metal erfrischt. SKULL NEWS kann Vessel allen Fans von Bands wie TOOL, Green Carnation, Psychonaut, Tarmak, nur wärmstens empfehlen, denen sie an Innovation und musikalischer Virtuosität in nichts nachstehen. Proggig mit einer ordentlichen Portion Doom und Darkness, für Leute, die außerdem Amenra, Cult of Luna, Deftones, Neurosis, A Perfect Circle, mögen. Wir haben nur eine einzige Kritik an Vessel: Das Schlagzeug könnte knackiger abgemischt sein. Ansonsten ist diese EP professionell produziert und ein echter Hörgenuss, der uns in eine fantasievolle Düsternis entführt und gleichzeitig tiefe philosophische Fragen aufmacht … HAVEN sind definitiv ein SKULL NEWS Tipp für euch!

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