NYX DOMINION – Cathedral of Ash
Ein ungeschliffenes Denkmal voller Herzblut
Wir hatten neulich schon drüber berichtet, wie sehr beiläufiges Internetradiohören plötzlich zur Hauptsache wird, wenn die richtigen Synapsen getriggert werden. Mit „Saints don’t bleed“ rollten NYX DOMINION bei Radio Home of Rock schlagartig das Feld von hinten auf und lösten eine Kettenreaktion aus.
Am 26. Juni erschien endlich der erste Longplayer, ausgerechnet an einem der bis dahin heißesten Tage des Jahres. Alarmstufe Rot bei den Nachbarn in den Niederlanden, Alarmstufe Rot auch bei uns auf den Ohren?
Erschienen auf Bandcamp, anzuhören auch bei den üblichen Streamingverdächtigen. Bitte unterstützt Independentkünstler durch aktiven Kauf!
Tracklist
- Intro – The Awakening 2:38
- Saints don’t bleed 4:20
- Crimson Reverie 4:01
- Seraphine collapse 4:48
- Cathedral of Ash 4:45
- Halo of Thorns 3:32
- Ashes bloom in black 4:18
- Velvet Dominion 3:25
- Black Silk Salvation 4:07
- Neon Funeral 3:44
Vier junge Damen aus dem erweiterten NRW machten sich also auf, der Metalwelt einen neuen Impuls zu versetzen. Und völlig unüblich, blieb das Aussehen der Protagonistinnen zunächst einmal komplett im Dunkeln. Kein Punkten über das Metalmiezenklischee, eng gebeinkleidet, kurz berockt und hochgeschnürt, sondern über fein dosiert gestreute kryptische Infos, die neugierig auf den musikalischen Output machen sollen. Und so entstand in völliger Unabhängigkeit ein Erstlingswerk, das den Vergleich mit internationalen Produktionen nicht zu scheuen braucht.
Los geht es mit dem instrumentalen „The Awakening“ zur Einleitung, das im Verlauf immer dichter und cineastischer wird und die Erwartungshaltung massiv nach oben schaukelt.
Vielleicht war „Saints don’t bleed“ als zweiter Track direkt im Anschluß nicht die klügste Wahl, da der durchs Intro erzeugte Spannungsbogen mit einer Powerballade nicht gehalten werden kann. Jedoch – hört euch die Nummer einfach mal unabhängig davon an: Eine wunderbar melancholische Inszenierung. Die durch Kirchen- und Gospelchor geschulte Stimme von Sängerin Lena Falkenhayn zieht euch sofort in ihren Bann, und ihr werdet euch fragen, ob sie vielleicht noch einen zweiten Satz Lungen in petto hat, so kraftvoll hält sie die langen Töne.
Von den eher sanften Klängen sollte man sich dennoch nicht irreleiten lassen. Schon bei „Crimson Reverie“ wird die Marschrichtung deutlich in Richtung Metal gelenkt und das Tempo – auch für die nächsten Stücke – merklich angezogen. Melodramatik findet seine Ablösung mit regelrecht entfesselten Harsh-Gesängen, die Lena ebenso leicht fallen wie cleane Passagen.
Dabei gelingt dem Quartett ein seltenes Kunststück: Das Album ist wunderbar dunkel, ohne jemals in eine lähmende oder depressive Stimmung zu kippen. Wie unberechenbar dieses Gefüge tatsächlich ist, beweisen die Damen spätestens bei „Seraphine Collapse“. Es ist schlicht unfuckingfassbar, wie mühelos Lena hier vom epischen Klargesang in markerschütternde Harsh Vocals wechselt und damit die vermeintliche Balladen-Stimmung des Albumstarts endgültig pulverisiert.
„Cathedral of Ash“ greift die Sphärenklänge des Intros kurz auf, um sich dann mit symphonischer Wucht kraftvoll seinen Weg zu bahnen. Betörend schöne Gesangsmelodien, die auch die Gospelverbindungen Lenas deutlich machen, und denen ein fetter Bass gegenübergestellt wird.
Trotz aller Härte und Rotzigkeit kommen die Melodien nicht zu kurz. „Ashes bloom in black“ glänzt gar mit sehr tanzbaren Beats und einer bemerkenswerten Mixtur aus harsh in die Welt herausgebrüllten Passagen und zuckersüßen Melodien. Ohnehin kommt der Groove auf diesem Album nicht zu kurz, die rhythm section aus Mara und Nyx läuft geschmiert wie ein Uhrwerk. „Black Silk Salvation“ überrascht mit sinnlichen Gesangspassagen, die sich mit kernigem Rock bestens vertragen. Auch der mit „Neon Funeral“ gesetzte Schlußpunkt setzt auf diese Mischung aus akustischem Zuckerbrot und Peitsche, und das Konzept geht bestens auf. Und durchgehend immer schön garniert mit reizvollen Brüchen.
Dass Lenas Stimme so gnadenlos herausknallt, funktioniert jedoch nur, weil NYX DOMINION als musikalisches Gesamtpaket harmonieren. Die Instrumentalfraktion liefert keine egoistische Selbstdarstellung, sondern baut ein tonnenschweres, atmosphärisches Fundament. Die Riffs und Rhythmen fangen Lenas emotionale Urgewalt perfekt auf, betten sie ein und tragen sie durch die dichte Klanglandschaft des Albums.
Was dieses Album auszeichnet, ist die technische Leichtfüßigkeit, trotz des anspruchsvollen Konzepts nicht verkopft zu wirken und das Talent der Musikerinnen, eingängige Songs zu schreiben, die gut ins Ohr gehen, ohne beliebig zu wirken. NYX DOMINION erheben nicht den Anspruch, das Rad neu zu erfinden, sie sind auch nicht die erste und einzige Girlgroup im Metalbereich. Ein solches Erstlingswerk völlig autark aus dem Boden zu stampfen, verdient höchsten Respekt, und die ihnen gebührende Reichweite und Fanbase erreichen zu können, sei ihnen von Herzen gegönnt. Kleiner persönlicher Wermutstropfen – bei einigen Songs ist der Aufbau ein wenig zu ähnlich geraten, was Strophen/Gesangsmelodien angeht, was das Gesamtpaket nicht schmälert, jedoch möglicherweise einen rascheren Abnutzungseffekt beim häufigeren Hören hervorrufen könnte. Da wir es nicht mit Progressive Metal zu tun haben, sondern die Nische Gothic/Melodic Metal bedient wird, braucht es auch überhaupt nicht sonderlich komplexe Songstrukturen. Das Album will berühren, mitreißen und – wie Nummern der Marke „Halo of Thorns“ beweisen – mit seinen eingängigen Grooves schlichtweg ins Ohr gehen und Spaß machen. Das ist am Ende keineswegs so simpel oder geradlinig gestrickt wie der klassische Rock von AC/DC oder Status Quo, aber es verzichtet eben bewusst auf akademische Verkrampftheit. Wo andere Bands im Genre oft wie technische Hochleistungssportler agieren, werfen NYX DOMINION pure, ungefilterte Leidenschaft in die Waagschale.
Die Kirsche auf dem Sahnehäubchen wäre natürlich, dieses Album mitsamt der Ladies eines Tages live erleben zu dürfen. Ob und wann es für NYX DOMINION auf die Konzertbühnen geht, wird die Zukunft zeigen. Eines steht jedoch jetzt schon fest: Mit Cathedral of Ash haben sich diese vier Musikerinnen aus eigener Kraft ein bleibendes Denkmal gesetzt, das weit über den Moment hinausstrahlt. Dieses Kollektiv beweist eindrucksvoll, dass im Underground echte Magie entsteht, wenn Talent, Vision und bedingungsloser Zusammenhalt aufeinandertreffen.
Fazit: Wer echten, ungeschönten Metal abseits von kalkulierten Klischees sucht, der direkt unter die Haut geht, MUSS hier zugreifen. Unterstützt den Underground, sichert euch dieses Juwel und holt euch das Album direkt auf der NYX DOMINION Bandcamp-Seite.

NYX DOMINION sind
Seraphine Vale (Guitars)
Mara Aven Voss (Drums)
Nyx Aiko (Bass/Backing Vocals)
Lena Falkenhayn (Vocals)