Corona geht uns alle an

Keine Galerie, keine Reviews, keine Rezension. Aber es hat sehr viel mit Musik zu tun. Und mit uns.

Es ist erst wenige Wochen her. Wir hier in Deutschland hatten einen noch unbeschwerten Vorfrühling, und wie aus weiter Ferne drangen die Nachrichten zu uns… irgendwo in anderen Ländern erkranken Menschen an einer grippeähnlichen Virusinfektion… China… weit weg… steiler Anstieg von Fällen… die ersten Toten… schlimm…. aber dennoch…. weit weg. Selbst Italien… weit weg. Bei mir der normale Ablauf von Vollzeitjob, Konzerten, Shootings. Am 28.2. der Kurztrip nach Wiener Neustadt, um dort das Dreifach-Konzert zu erleben. Schaut mal hier ist unser Bericht zum Konzert mit Filiah, Wagner The Band und Gunned Down Horses – drei Bands, die ihr unbedingt entdecken solltet, wenn ihr sie noch nicht kennt. Am 6. März gab es dann nochmal die volle Dröhnung in Aschaffenburg: Bluesrock vom Feinsten von Thorbjorn Risager & The Black Tornado, SKULL NEWS hat berichtet.

Zu diesem Zeitpunkt wurden bereits die ersten großen Veranstaltungen abgesagt. Und immer noch gab es die Hoffnung, daß der Kelch an uns vorüber zieht, daß geplante Konzerte statt finden können, wenigstens die, für die man Karten hat… Dann die kleineren Hallen, dann Clubs… Bis das Kartenhaus nach unten durch zusammenbrach und relativ zügig das komplette Konstrukt an Veranstaltungsmanagement pulverisierte.

Für uns als Fans ist es in erster Linie ärgerlich, da wir uns lange auf bestimmte Events gefreut und mitunter auch viel Geld bezahlt haben. Was soll werden – wird das Konzert komplett abgeblasen, gibt es einen Ersatztermin – kann ich den Ersatztermin auch wahrnehmen? Immerhin befinden wir uns inmitten der Krise, und keiner kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen, wie lange diese noch andauern wird.

Es geht nicht nur um unseren persönlichen Frust. An Auftritten und natürlich auch gesamten Tourneen sind eine Unmenge Menschen beteiligt – vom Manager zu Tontechniker zu Roadie zu…. die “Kleinen” schleppen ohnehin noch selbst.

Und nicht zuletzt: Die Musiker selber. Mit dem weltweiten Wegfall an Auftrittsmöglichkeiten ist eine, wenn nicht DIE wichtigste Einnahmequelle zum Lebensunterhalt weggebrochen. Man denke daran, dass neben der Livemusik auch der Merchandise-Stand nicht nur zum Verkauf da ist, sondern auch in vielen Fällen ein Moment des direkten Kontakts zwischen Bands und Fans. So viel persönlicher als ein Onlineshop – unbezahlbar!

Sicher – eine Beyoncé wird ihre Kinder nicht mit der Blockflöte in die Fußgängerzone schicken müssen, damit die Yacht betankt und der nächste Pelz angeschafft werden kann.

Der durchschnittliche Musiker ist von seiner ersten Million so weit entfernt wie Britney Spears vom Livegesang. Und wer in diesen Zeiten keinen (krisensicheren!) Nebenberuf hat, steht mutmaßlich vor den Trümmern seiner Existenz. Ihr habt über Monate hinweg Berufsverbot und könnt euch womöglich nicht einmal zu Bandproben treffen – social distancing. Das Leben spielt sich nur noch online ab, zumindest über Skype kann man sich “sehen”.

Mittlerweile gibt es Kampagnen und Solidaritätsverbindungen, daß man auf die Rückerstattung der Kartenpreise verzichtet, um damit die Fixkosten gedeckt halten zu können.

Die Bundesregierung hat ein Hilfspaket für Selbständige und Künstler – um es einmal herunter zu brechen – geschnürt. Wie das in der Praxis aussieht, wird sich noch zeigen.

Wir wissen auch nicht, wie viele Clubs nach der Krise überhaupt noch da sein werden – Monate ohne Umsatz, aber mit Fixkosten. Bereits vor Corona gab es ein Musikkneipensterben, viele Kultclubs lösten sich in Rauch auf.

Seit dem Siegeszug des Internets Mitte der Neunziger hat sich die Situation verschärft. Mit der Einführung der Download- und Filesharingportale wie Napster brachen die Plattenverkäufe ein, eine “Geiz ist geil”-Mentalität machte sich breit, für Kunst wollten die Fans nichts mehr zahlen, CDs wurden, da ja jeder einen PC besaß, privat gebrannt. Kavaliersdelikt, so denkt man, man tut ja keinem weh damit. Die Älteren sind damit aufgewachsen, daß man gespannt mit dem Cassettenrecorder vor dem Radio oder dem Fernseher saß und seine Lieblingsmusik “live” mitschnitt, immer darauf hoffend, daß justament keiner reinquatschte. Wer noch Tapes daheim hat und sich diese hin und wieder noch anhört, fühlt sich direkt in die Zeit, in den Aufnahmemoment zurückversetzt. Viele Jahre später der Aufschrei, als sich CD-Hersteller dazu entschlossen, einen Kopierschutz einzubauen. Wie können sie es wagen?

Vor ziemlich genau zwanzig Jahren gab es den Vorfall, der Metallica einen Mega-Shitstorm einbrachte und Lars Ulrich den Ruf, ein Gierhals zu sein. Die Band verklagte den Filesharinganbieter Napster. Auf den ersten Blick wirkten sie wie Spaßbremsen, die den Musikfans die Freude nicht gönnten. Allerdings sah die Sache etwas anders aus, checkt mal aus, wie Metallica Napster verklagt haben.

Und angesichts dessen, wie sich die Musikszene seitdem entwickelt hat, muß sich jeder, der sich mit der Materie näher beschäftigt, eingestehen, daß Metallica voll und ganz im Recht gewesen sind.

Es geht um Urheberrechte, Lizenzen. Zur Erstellung eines Albums oder generell eines Musikstücks mußt du Geld in die Hand nehmen. Personal- und Produktionskosten. Eine Tour kostet wiederum Geld, bevor sie gestartet ist. Hallenbuchungen, Tourbus, Unterkünfte und was da sonst noch alles dran hängt. Auch wenn du das eine Nummer kleiner hast und quasi allein tingelst, dir entstehen dennoch Kosten.

Dank des eingangs erwähnten Einbruchs der Plattenverkäufe werden die Einkommen zumeist mit Konzerten und Merchandise-Artikeln generiert. 2018 wurden bei den Streaming-Diensten 8,9 Milliarden US-Dollar umgesetzt, was davon bei den Künstlern ankommt, kann man sich lebhaft vorstellen. Dazu hat die FAZ interessante Fakten parat.

Die etablierteren Künstler haben bei den Radiostationen Airplay und bekommen dadurch Aufführungsgeld sprich Tantiemen und GEMA-Gebühren. Dazu mußt du aber Mainstream machen und bei Mainstream-Sendern laufen. Bist du aufstrebender Musiker, machst Mucke abseits vom Massengeschmack und hast keine fette Plattenfirma im Rücken, wird es kompliziert. In der Regel werden wir bis zum Erbrechen mit dem “Monkey Dance” beschallt. Und wer will das schon?

In den Zeiten von Corona-Ausgangsbeschränkungen boomen Onlinekonzerte auf Facebook – Musiker spielen live für euch aus ihren vier Wänden und interagieren mit euch. Ihr könnt sie ganz einfach unterstützen, indem ihr Ankündigungen teilt und die Streams zu Watchpartys macht. Es gibt diverse Gruppen, in denen diese Ankündigungen gesammelt werden. Einige blenden eine PayPal-Adresse ein – zeigt euch gerne erkenntlich.

Teilt YouTube-Clips der Musiker, die euch gefallen, auf eurer Timeline und in Musikgruppen, falls ihr in solchen seid. Fügt gerne Hashtags (beispielsweise #supportyourartists) hinzu und stellt diese Beiträge auf öffentlich, damit sie eine größere Reichweite haben.

Erzählt, welche Musik ihr gerade hört (FB-Aktivitäten), und stellt das auf öffentlich (die Band kann dann reagieren 😉 ).

Ordert die CDs, am besten über die Website des Musikers, bezieht Merch, und behaltet das bei, wenn wieder aufgetreten wird. Viele Musiker sind nach dem Gig am Merch zu treffen und freuen sich auf einen Plausch und ihr euch auf ein signiertes Album und vielleicht ein gemeinsames Foto.

Eine tolle Möglichkeit, Musik und Merch zu beziehen, ist https://bandcamp.com/. Die Plattform bietet in erster Linie labellosen Musikern unterschiedlichster Couleur eine Möglichkeit zur Vermarktung, und du als Konsument kannst weitestgehend selbst den Kaufpreis bestimmen. Positiv zu vermerken ist, daß sich die Gebühren für Bandcamp in Grenzen halten und etwa 85% des Kaufpreises beim Musiker ankommen. Als Musikliebhaber kannst du so viele neue Bands kennenlernen und der Modus, dass du selbst den Preis bestimmst, hat etwas Motivierendes, seinen neuen Lieblingen ein paar Euro mehr zukommen zu lassen. Man kann also kostenlos reinhören, so wie bei konventionellen Streamingdiensten, aber es zusätzlich dazu gibt es die Möglichkeit des legalen Downloads.

Streamingdienste taugen in erster Linie zum Reinschnuppern in neue Musik. Rüber kommt für die Künstler nicht viel.

Unsere Freunde von Subterranean Masquerade haben aus der Not eine Tugend gemacht und in beißendem Sarkasmus ein T-Shirt zur abgesagten Tour entworfen , von dem 10% der Erlöse an durch die Corona-Krise Betroffenen gehen.

Schwarzer Humor in Zeiten der Krise

Das gute Stück geht wie geschnitten Brot und zeigt in der Grafik überdeutlich die Zusammenhänge. Wenn du nicht nur durch Konzertabsagen gebeutelt bist, sondern dich vielleicht auch noch in Quarantäne befindest, hast du den Jackpot. Es ist nur ein Beispiel von vielen. Bitte unterstützt EURE Bands! Überdenkt eure Konsumgewohnheiten. Wenn ihr nun weniger ausgeht als sonst, wegen der Ausgangsbeschränkungen, dann investiert das Geld doch in Musik und Merchandise. Stellt euch einfach mal eine Welt OHNE Kunst, Literatur, Musik vor. Das Überleben der Pandemie steht im Vordergrund – aber wir Menschen hängen auch essentiell von allem Schönen ab. Wir BRAUCHEN Kunst.

Bitte seid fair und zahlt für Musik. Arbeitet ihr umsonst und für einen feuchten Händedruck eures Chefs am Monatsende? Wohl weniger. Kunst erweckt inzwischen den Eindruck, nichts kosten zu dürfen. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.

Wir sehen uns bald live und in Farbe wieder!

Sabine

Nicht ganz frisch und nicht ganz sauber – das trifft es so ungefähr, worauf man sich bei mir einstellen kann. Quasi mit der Kamera in der Hand geboren, kristallisierte sich während des regen jährlichen Besuchs des Lahnsteiner Bluesfestivals ein Faible für Konzertfotografie heraus, welches im Lauf der Zeit und mit wechselndem sowie wachsenden Equipment verfeinert wurde. Der Weg ist das Ziel!

1 Gedanke zu „Corona geht uns alle an

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